Schatz der Erinnerungen

16. Januar 2018 vom CASA REHA Seniorenpflegeheim Am Klostergarten

In einem Artikel hatte ich mal gelesen, dass Erinnerungen das Fundament unserer Persönlichkeit darstellen. Wenn sie verloren gehen, wären wir wie Pflanzen ohne Wurzeln. Ich fand es ein schönes Bild, denn es machte mir klar, was für ein Schatz unsere Erinnerungen sind.

Heute ging ich zu einer Bewohnerin, die seit einiger Zeit bettlägerig ist. Vor nicht allzu langer Zeit hatte sie noch im Speisesaal bei jeder Mahlzeit teilgenommen und sich aktiv eingebracht. Und jetzt lag sie da und rührte sich kaum noch. Erst fühlte ich mich ein wenig unbeholfen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, wie es einem Menschen in einer solchen Situation geht. Doch dann fragte ich sie, ob ich ihr etwas vorlesen könne. Sie schien sich über diesen Vorschlag zu freuen und bat mich, ein Buch zu holen. Das Buch, das ich aussuchte, beschäftigte sich mit großen Ereignissen in den 50er Jahren, u. a. der Besteigung des Mount Everest,  der Krönung von Queen Elisabeth II und dem Aufenthalt von Elvis Presley in Deutschland. Die ersten beiden Ereignisse sagten der Bewohnerin nichts. Aber an Elvis Presley erinnerte sie sich sofort. „Natürlich kenne ich den“, sagte sie mit einem Hauch von Empörung, denn ich hatte etwas vorsichtig gefragt, ob sie denn den Rock’n Roll-Sänger kenne. Okay! Das war eindeutig unsere Geschichte. Wir sprachen also über die Zeit und seine Musik und die Bewohnerin schien ein wenig in sich hineinzulächeln, als die Erinnerungen daran hochkamen. Nein, getanzt habe sie nicht, meinte sie, aber die Musik sei schon nicht schlecht gewesen. Schließlich begann ich, ihr die Geschichte, die sich um dieses Ereignis rankte, vorzulesen. Während ich las, schien die Bewohnerin immer mehr in ihre Erinnerungen zu gehen und schließlich schlief sie ein. Am Ende der Geschichte schlich ich mich dann vorsichtig aus dem Zimmer in der Hoffnung, dass  die Bewohnerin noch ein Weilchen in dieser Zeit der Erinnerung verweilen konnte.