Kissen im Kopf

27. Juli 2017 vom CASA REHA Seniorenpflegeheim Am Klostergarten

Gestern wurde ich gebeten, zu einer Bewohnerin zu gehen, der es nicht so gut ging. Als ich im Zimmer ankam, stand die Bewohnerin mitten im Zimmer und schaute mich mit verweinten Augen an. Aus ihrem Gesicht sprach die pure Verzweiflung. Sie hatte plötzlich keine Orientierung mehr, ihre Erinnerung war getrübt und sie fühlte sich völlig hilflos. Wir setzten uns auf ihr Bett und sie begann zu erzählen. Sie dachte, sie sei erst seit zwei Tagen hier, hatte aber erfahren, dass sie schon mehrere Wochen im Seniorenheim wohnte. Ihre größte Angst war, dass niemand wüsste, wo sie sich aufhielt, vor allem ihre Familie. „Ich habe das Gefühl, als habe ich ein Kissen im Kopf“, beschrieb sie ihren Zustand. Gemeinsam machten wir uns daran, einige Erinnerungen wieder hervorzurufen. Und es gelang auch recht gut. Schon bald wusste sie wieder, dass ihre Verwandten sie schon ein paar Mal besucht hatten, mit wem sie beim Essen am Tisch saß und sie erinnerte sich auch daran, dass sie sich ein paar Tage zuvor aus der Bibliothek oben im zweiten Stock Bücher ausgeliehen hatte. Nachdem sie sich da zunehmend auf sicherem Terrain bewegte, kam die nächste Sorge zum Vorschein: Hatte sie sich irgendwie auffällig verhalten? Hatte sie sich blamiert? Hatten die anderen Bewohner gemerkt, dass sie orientierungslos gewesen war? Ich konnte ihr auch da schnell Sicherheit geben, dass niemand etwas gemerkt hatte. Denn tatsächlich war ihr Verhalten ganz unauffällig gewesen.

Als ich die Bewohnerin heute Morgen wieder traf, war sie noch sichtlich beeindruckt von dem Erlebnis des Vortages und damit beschäftigt, herauszufinden, welche Erinnerungen ihr noch fehlten und was der Auslöser für diesen Aussetzer gewesen sein könnte. Auch mich hatte der Vorfall nachhaltig beschäftigt. Mir war durch ihn klar geworden, welche Bedeutung Erinnerungen für unser Leben haben. Gleichgültig, ob es sich um kurzfristige oder weiter zurückliegende Erlebnisse handelt. Es sind die Erinnerungen, die unsere Persönlichkeit ausmachen, uns Sicherheit und Vertrauen in uns selbst geben. Und gleichzeitig hatte mir das Gespräch gezeigt, wie wichtig es ist, jeden Tag zu leben und zu genießen, seine Träume zu verwirklichen und auf keinen Fall aufzuschieben. Denn wer weiß, was das Leben noch für Überraschungen für uns parat hält…