Demenz – Wo ist die Grenze?

04. Juli 2017 vom CASA REHA Seniorenpflegeheim Am Klostergarten

Wo ist die Grenze? Vielleicht ist das eine etwas provokante Frage bei dem Thema „Demenz“. Dennoch, bis wohin geht die Normalität und ab wann beginnt die Demenz?, diese Frage beschäftigt mich sehr oft, seit ich hier arbeite. Demenz ist laut ICD10 : „…. ein Syndrom  mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen….“ Bezogen auf das  alltägliche Leben kann man es vielleicht  so ähnlich beschreiben wie, diese Menschen ziehen sich immer mehr zurück, finden  sich nicht mehr ganz zurecht und erleben ihre eigene Welt. Doch wie ist es mit uns „Gesunden“? Leben wir nicht auch in unserer eigenen Welt? Wird unsere Lernfähigkeit mit zunehmendem Alter nicht auch immer geringer?  Ziehen wir uns nicht auch oft zurück, weil wir mit einer Situation, einer Umgebung oder anderen Menschen nicht zurechtkommen?  Und unser Urteilsvermögen – wie steht es damit? Ist es nicht auch immer mal wieder getrübt, verändert?

Ich komme auf all diese Gedanken, weil mich die Demenzkranken immer wieder verblüffen. So hatte ich neulich die Begegnung mit einer schon recht dementen Bewohnerin, die normalerweise bereits nach zwei Minuten schon wieder vergessen hat, wer man ist und erneut fragt, ob man sich kenne. Sie lief im Speisesaal herum und war kurz davor, ihre Hose zu verlieren. Sie hatte sie nicht zugemacht. Ich ging hin, um dieses kleine Malheur zu verhindern. Ich sagte ihr, dass ihre Hose rutschen würde und ich ihr daher das T-Shirt hochheben und die Hose zumachen wolle. Als ich aber dann nach ihrem T-Shirt griff, schaute sie mich ganz ernst an und meinte eindringlich: „Bitte! Nicht hier! Hier sieht ja jeder alles!“ Also sind wir beide, ich ihre Hose festhaltend, langsam aus dem Speisesaal und in einen Raum gegangen, wo ich sie dann richtig anziehen durfte. Es war wirklich verblüffend für mich, wie viel Schamgefühl und Anstand diese Bewohnerin noch empfand, wie wichtig ihr diese Intimsphäre noch war, obwohl sie doch normalerweise sofort alles wieder vergaß.

Ich glaube, die Grenze zwischen Demenz und Klarheit ist gar nicht immer so eindeutig – zumindest nicht immer im Alltag. Ein gesunder Mensch kann in völlige Verwirrung geraten, wenn er mit einer Situation nicht zurechtkommt. Umgekehrt kann ein Mensch, selbst wenn er schon sehr dement ist, in bestimmten Situationen sehr klar sein. Es sind diese Begegnungen, die mich immer wieder daran erinnern, wie schnell ein Urteil gefällt und wie wichtig es ist, mit Offenheit auf jeden Menschen zuzugehen. Oft finde ich das gar nicht so einfach.